Leseprobe

Die Kinder von Thinggangou

(Ausschnitt)

… Stunden später dröhnt das Schiffshorn und ein Anleger kommt hinter einer Flussbiegung in Sicht. Es ist der erste Stopp. Es sollen noch weitere folgen. Einer davon muss Lebutta sein, der einzige größere Ort auf der Strecke. Es steigen immer nur Leute aus, kaum einer ein. Ich versuche, mich mit ein paar jungen Burmesinnen, die auch erster Klasse reisen, zu unterhalten und herauszufinden, wie weit es noch ist. Wir kommunizieren per Smartphone. Englisch sprechen und verstehen können sie nur wenig, aber schreiben und lesen klappt. So kommunizieren wir über nicht abgeschickte Textnachrichten miteinander. Das funktioniert erstaunlich gut. Die Mädels wollen immer wieder wissen, für welche NGO ich nach Thinggangou reise. Ich verstehe erst nicht, wieso NGO? Ich bin Tourist, so wie die anderen. Ach so, richtig, ich bin ja der Einzige. Sie erklären mir, dass schon vor mir weiße Männer in Thinggangou waren. Und wieder fällt NGO. Ich bohre nach und es kommt heraus, dass Thinggangou im Jahr 2008 von einem Zyklon namens „Nargis“ getroffen wurde, der das Dorf vollkommen zerstörte und Hunderte der Bewohner tötete. Danach seien „Non Governmental Organisations“ in Thinggangou gewesen, um das Dorf mit dem Allernötigsten zu versorgen und den übrigen Bewohnern zu helfen. Ich frage:

And who was there after the NGO left?“

Sie zeigen mit dem Finger auf mich.

You!“

Ich glaube ihnen nicht. Ich halte es für einen Scherz, den sich die Mädels da für mein Ego einfallen lassen haben. Irgendwelche Touristen waren bestimmt schon vor mir da. Es sind ja auch „nur“ sechs Stunden Flussfahrt bis dahin. Denkste!

Nach den besagten sechs Stunden legen wir tatsächlich an. Aber nicht in Thinggangou. Ich kommuniziere eilig das Wichtigste mit den Mädels, denn sie steigen hier aus. Es seien noch ein oder zwei weitere Dörfer, wo das Schiff hält. Das Schiff wird eine Pause von einer halben Stunde machen, um Ladung zu löschen. Die verbleibende Fahrzeit soll eine Stunde betragen. Ich rechne nach.

Verbleibende Fahrzeit eine Stunde bis Thinggangou plus eine halbe Stunde Ladung löschen macht in Myanmar drei Stunden, bis ich in Thinggangou von Bord kann.

Ich wimmle all die selbst ernannten Motorradtaxifahrer ab, die mir eine Abkürzung auf dem Landweg vorschlagen, und fahre weiter. Die Fahrkarte gilt bis Thinggangou und bei den hilfsbereiten Taxifahrern weiß man nie, woran man ist. Irgendwo findet sich immer eine Bambusbrücke, deren Überquerung ich dann extra bezahlen muss oder – auch beliebt – auf halber Strecke geht das Benzin aus, dann soll ich dafür teuer nachzahlen.

Ziemlich genau neun Stunden nach der Abfahrt, es ist inzwischen dunkel, erreicht das Schiff mit den wenigen übrigen Passagieren Thinggangou …

 

Die Visa–Extension in Yokjakarta

Indonesien ist ein großes Land und in zwei Monaten, der regulären Dauer eines Touristenvisums, kommt man nicht sehr weit. In meinem Fall bis Yokjakarta. Von meinem Freund Hussein aus Batusangkar habe ich die Telefonnummer eines verlässlichen Freundes namens Suparman, der mir bei der Visa-Extension helfen soll. Ich rufe an, er meldet sich tatsächlich mit diesem Namen. Dann bin ich mal gespannt. Wir verabreden uns. Ich sage ihm, was er alles mitbringen muss. Also seinen Ausweis, die ID-Card. Laut eigenen Angaben sei er schon bei einigen anderen Touristen als Bürge für ein verlängertes Visum aufgetreten. Er macht den Eindruck, als wisse er über alles Bescheid. Ich bin jedenfalls beunruhigt.

Am Morgen, wir sind um 7:30 Uhr vor meinem Hostel verabredet, stehe ich mit Papieren, Pass und Passfotos vor dem Haus und warte. Nach einer halben Stunde rufe ich mal an. Gut, dass ich die Verabredung eine halbe Stunde zu früh angesetzt habe, um Suparmans Verspätung auszugleichen. Leider scheint er zu wissen, dass sich Deutsche trickreich verhalten, wenn sie wichtige Termine haben, bei denen man nicht zu spät sein darf. Er hat meine halbe Stunde einfach mit seiner halben Stunde Verspätung addiert und kommt eine Stunde nach der verabredeten Zeit an. Er will mir selbstverständlich erst mal seinen Kumpel Putu vorstellen, der uns heute Vormittag begleiten wird. Ich lasse mir nichts von meiner Eile anmerken. Es bringt ja auch nichts, wenn ich jetzt noch Pferde scheu mache. Wichtig ist, dass wir endlich loskommen. Zu meiner Überraschung fahren wir irgendwo hin, aber nicht in Richtung Immigrationsbüro. Ich lasse mir den Grund für den Umweg erklären und verstehe so etwas wie: die Freundin vom Kumpel, die wir vorher noch abholen. Als wir endlich zu viert im Auto sind und ich Suparman zur Sicherheit frage, ob er seine ID-Card dabei hat, fällt ihm auf, dass er sie zu Hause vergessen hat. War klar. Macht ja nichts. Also fahren wir wieder nicht zum Immigrationsbüro, sondern erst mal zu Suparman nach Hause. Es liegt fast auf dem Weg. Als wir vor dem Haus angekommen sind, verschwindet er darin und kommt nicht wieder. Stattdessen höre ich, wie er aus dem Haus herausruft und Putu vom Auto aus durchs offene Fenster hineinruft. Das geht eine ganze Weile so. Als ich ungeduldig die beiden bei mir im Auto frage, was los ist, geht die Freundin von Putu hinterher. Es dauert wieder. Und wieder Rufe von drinnen und Putu antwortet vom Auto aus durchs offene Fenster. Dann steigt auch er aus und verschwindet im Haus. Ich bleibe allein im Auto sitzen und schiele auf die Uhr. Jetzt höre ich alle drei im Haus rufen. Während ich darüber nachdenke, ob wir es rechtzeitig schaffen, höre ich, wie die Haustür zuschlägt und sehe meine drei Visahelfer zurück zum Auto kommen. Ich frage erleichtert, ob nun alles in Ordnung sei. Alle drei nicken ab. Wir fahren los.

Ich kam, sah und ging wieder!

Wie zu erwarten, sind wir zu spät. Es ist 12:03 Uhr. Das Büro öffnet nach der Mittagspause wieder. Ich beschließe, alle auf einen Kaffee im 7eleven einzuladen. Ich denke mir, jetzt bloß nicht übermütig werden und wieder wegfahren. Also sitzen wir vor dem weitläufigen Parkplatz auf Blechstühlen an einem wackeligen Blechtisch, der so stark die Sonne spiegelt, dass man Sonnenbrillen braucht. Hinter uns das ewige „Ding Dong“ der automatischen 7eleven-Tür, die in ganz Asien wegen jedem vorbeifliegenden Staubkorn aufgeht. Wir schlürfen Eiskaffee. Unsere Unterhaltung wird alle fünf Minuten durch das Geratter eines Güterzugs, der hinter dem Laden über die Schienen rumpelt, unterbrochen.

Nach eineinhalb Stunden sind wir wieder im Immigrationsbüro. Diesmal klappt alles. Es stellt sich heraus, das nicht Suparman mein Bürge werden soll, sondern sein Freund Putu. Ich frage mich, wieso wir solange nach Suparmans ID-Card gesucht haben, aber man muss ja auch nicht immer alles verstehen. Jedenfalls kommen wir an die Reihe. Ich gebe meine Formulare ab und bekomme ein anderes, das Putu unterschreiben und zusammen mit seiner ID-Card einreichen muss. Dann das Ganze retour und über den kleinen Umweg, einer Art Briefmarkenautomaten, zu einem weiteren Schalter, wo wir schließlich alles abgeben und bezahlen. Die Briefmarke vom Automaten ist recht teuer und so etwas wie ein Siegel. Verstanden habe ich es nicht ganz, aber wenn man das für eine Visaverlängerung braucht… Dafür werden meine nagelneuen Passbilder abgelehnt. Kein roter Hintergrund. Ich sage, dass davon nichts in den Papieren stand. Aber Hintergrund ist Hintergrund. Und Passbilder muss man im Passbild-Büro machen lassen. Auf meine Frage „Where?“, kommt die Antwort: „Tomorrow!“

Heute ist der Fotoshop schon geschlossen. Also lasse ich mir sagen, wann ich da sein muss, um nicht zu spät zu sein, und vergewissere mich beim Beamten, dass ich für diesen letzten Gang zu einem vollständigen Antrag meine drei Helfer nicht mehr brauche. So ist es.

Dann schaffe ich es auch.“

Ich kann mein Grinsen nicht zurückhalten. Nun haben alle großen Hunger, und ich lade meine drei Helfer zum Essen ein. Jetzt dämmert es mir allmählich, warum wir für die dämliche Visaverlängerung eigentlich zu viert sein müssen. So Gott will, trennen mich von meinem neuen Visasticker nur noch ein Fototermin und ein letzter Gang zur Abholung.

Doch Gott hat andere Pläne mit mir.

Am nächsten Morgen – es muss an diesem Tag über die Bühne gehen, denn ich will nicht ewig in Yokja bleiben und mein Visum läuft in einigen Tagen ab – stehe ich im Immigrationsbüro vor dem Fotoshop und erfahre, dass ich zu spät sei.

You come tomorrow.“

I´m sorry. I can not!“, protestiere ich sehr behutsam, verweise auf den gestrigen Beamten, der mir diese Uhrzeit sagte, und erzähle irgendeine Geschichte, die wegen Dringlichkeit eine Ausnahme herbeiführen soll. Schließlich darf ich warten. Außer mir wartet noch ein Halbindonesier, der zur anderen Hälfte Deutscher ist. Wir unterhalten uns. Er erzählt mir seine Geschichte und ich erzähle ihm meine. Um ein Foto geht es bei ihm nicht. Er lebt hier und hatte wegen eines Krankenhausaufenthalts sein Visum überzogen, wofür er jetzt viel Geld nachzahlen muss. Ich hab „Extension“, er hat „Overstay“. Er muss in ein anderes Büro zum Vorsprechen. Durch die Lamellen der geschlossenen Jalousie kann ich den Fotobeamten, der keine Zeit hat, an seinem Computer Spidersolitär auf grünem Hintergrund spielen sehen. Immer, wenn er zum Rauchen aus dem Büro geht, öffnet er das Bildbearbeitungsprogramm. Roter Hintergrund. Nach etwa einer Stunde hat er endlich Zeit. Ich darf eintreten. „Klick“, fertig! Mein Bild auf rotem Hintergrund erscheint auf dem dafür vorgesehenen Feld neben meinen Daten auf dem Monitor. Er speichert es ab, und ich kann gehen. Für den Halbindonesier läuft es heute nicht so rund. Er muss erneut in einem anderen Büro vorsprechen. Wir verabschieden uns. Ich wünsche ihm viel Glück!

Es wird noch einmal Morgen in Yokja und in meinem Pass klebt endlich der Sticker mit verlängertem Datum.

Jetzt kaufen

 

Zurück zum Artikel